Schriftsteller trinken Bier. Das ist keine Behauptung, das ist eine über Jahrtausende bezeugte Tatsache. Schon das älteste Schriftstück der Menschheit erwähnt es. Goethe lobte es. Schiller verschrieb es sich selbst. Bukowski machte daraus eine Religion. Wer Literatur liest, liest oft auch Bier — als Getränk im Hintergrund, als Symbol, manchmal als heimlicher Hauptdarsteller.
Diese Verbindung ist kein Zufall, und sie ist auch nicht nur Folklore. Bier hat Eigenschaften, die das Schreiben begünstigen: Es ist mild genug, um den Kopf nicht zu vernebeln. Es hat Rhythmus — der erste Schluck, die Pause, der zweite. Es entsteht durch Geduld, was alle Schreibenden insgeheim lernen müssen. Und es schmeckt nach etwas, das man nicht in einem Wort sagen kann, weshalb man es immer wieder versuchen muss.
Wir machen Dichterbier in dieser Tradition. Aber bevor wir bei uns ankommen, wollen wir die lange Reise nachzeichnen, die vom mesopotamischen Tontäfelchen bis zur kleinen Brauerei im Schwarzwald führt. Sechs Stationen, sechs literarische Zeitalter, in denen sich Hopfen und Hexameter trafen.
Im Anfang war das Bier — Mesopotamien und das Gilgamesch-Epos
Das Gilgamesch-Epos wurde vor etwa 4000 Jahren in Keilschrift in Tonplatten gepresst. Es ist das älteste literarische Werk der Menschheit, und es erwähnt Bier auf der zweiten Tafel. Enkidu, der wilde Mann, lebt zunächst unter Tieren. Er weiß nicht, was Brot ist, was Salz ist, was Bier ist. Eine Tempeldienerin bringt ihn zu den Menschen, indem sie ihm beibringt zu essen und zu trinken. Sieben Krüge Bier, sagt das Epos, machen ihn zum Menschen.
Das ist eine erstaunliche Aussage. Nicht das Fleisch, nicht das Brot, nicht die Sprache — das Bier macht den Wilden zum Mitglied der Zivilisation. Wenn man bedenkt, dass das die Eröffnung der Weltliteratur ist, dann beginnt unsere gesamte schriftliche Kultur mit einem ausführlichen Lobpreis aufs Brauwerk.
Die Sumerer und Babylonier hatten dafür auch praktische Gründe. Bier war im Zweistromland sicherer als Wasser, gehaltvoller als Brot, und einer der Götter — Ninkasi — war ausschließlich für die Brauerei zuständig. Es gibt sogar einen Hymnus auf Ninkasi, der gleichzeitig ein Brauanleitungs-Gedicht ist. Die Sumerer haben buchstäblich Rezepte in Versform geschrieben.
Das ist die erste Lektion: Wer Bier trinken will, soll lesen können. Und wer lesen lernt, lernt es manchmal aus dem Brauhandwerk.
Klosterbier: Wo Mönche die Reinheit erfanden — und die Reime
Sprung in das mittelalterliche Europa. Das römische Reich ist gefallen, die Kultur hat sich in Kloster-Skriptorien zurückgezogen. Mönche kopieren Manuskripte, beten, und brauen. Vor allem brauen sie sehr viel.
Klosterbier hatte einen einfachen Grund: Während der vierzig Fastentage durfte man keine feste Nahrung zu sich nehmen, aber flüssige war erlaubt. Die Mönche brauten daher ein besonders nahrhaftes, dunkles Bier — den Vorläufer dessen, was heute als Bockbier oder Doppelbock bekannt ist. Es trägt den schönen Spitznamen "flüssiges Brot".
Was hat das mit Literatur zu tun? Eine ganze Menge. In den Skriptorien wurde nicht nur kopiert, sondern auch gedichtet. Die mittellateinische Lyrik, die Carmina Burana, ist voll von Trinkliedern. In taberna quando sumus — wenn wir in der Schenke sitzen — ist eines der berühmtesten und wurde später von Carl Orff vertont. Es ist ein langes Gedicht darüber, dass alle Menschen, vom Bauern bis zum Bischof, ihre Würde in der gleichen Schenke verlieren. Eine demokratische Vision, von Mönchen aufgeschrieben, die sehr genau wussten, wovon sie sprachen.
Und das deutsche Reinheitsgebot von 1516 ist im Grunde ein Gedicht in Verwaltungsdeutsch: Wasser, Hopfen, Malz. Drei Wörter, fünfhundert Jahre Wirkung.
Goethe, Schiller und die Frage nach dem rechten Schluck
Goethe war zeitlebens lieber bei einem Glas Wein zu finden — der Würzburger Frankenwein war sein Lieblingsgetränk, von dem er angeblich täglich zwei bis drei Liter trank. Aber Bier kam in seinem Werk durchaus vor. Die berühmteste Stelle ist Auerbachs Keller im Faust I, eine Szene, die in einem Leipziger Bierlokal spielt, das es bis heute gibt. Dort sitzen Studenten, trinken, prahlen, singen, bis Mephistopheles eintritt und Wein zaubert — interessanterweise gerade kein Bier. Goethe wusste genau, wo Bier aufhört und Theater anfängt.
Friedrich Schiller hatte ein anderes Verhältnis zum Schreiben — und zur Sinneswelt um den Schreibtisch herum. Eine der berühmtesten Anekdoten der deutschen Literaturgeschichte: In Schillers Schreibstube waren die Schubladen voll mit faulen Äpfeln. Der Geruch sei ihm angenehm und für die Arbeit nötig, berichtete seine Frau Charlotte. Goethe, als er ihn besuchte, wurde fast ohnmächtig vom Geruch. Mythos und Mensch: was für den einen Inspiration ist, dreht dem anderen den Magen um. Die Anekdote steht in Eckermanns Gesprächen mit Goethe (7. Oktober 1827).
Was die deutschen Klassiker bei aller Verschiedenheit eint, ist eine pragmatische Haltung zum Genuss: Was hilft, ist erlaubt. Ob Wein, Bier, fauler Apfel oder Tabak — am Ende zählt das fertige Werk.
Heinrich Heine, eine Generation jünger, war derjenige, der das Bier offen literarisch gemacht hat. In den Reisebildern und besonders im Vorwort zu Deutschland. Ein Wintermärchen spottet er über die "Bierstimmen" der deutschen Patriotismus-Reden. Die Verbindung von Bierseidel und Nationalstolz war ihm verdächtig: Wer zu laut über Vaterland brüllt, hat oft zu viel getrunken. Heine schrieb das aus dem Pariser Exil, mit der freundlichen Distanz dessen, der Deutschland liebte und genau deshalb belächeln durfte.
Bürgerliche Trinklieder — Storm, Fontane und das Pils im Frack
Im 19. Jahrhundert wird das Bier bürgerlich. Die Industrialisierung bringt das Pilsner — 1842 in Plzeň zum ersten Mal gebraut — und damit eine neue Trinkkultur in die Städte. Wo vorher dunkle Stuben mit dunklen Bieren standen, blitzen jetzt Stehtische mit klaren Gläsern. Das Bier wird sichtbar. Es wird vorzeigbar.
Theodor Fontane, der Chronist des preußischen Bürgertums, hat dieses Bier in seinen Romanen immer dabei. In Effi Briest, in Der Stechlin, in den Wanderungen durch die Mark Brandenburg — überall trinken die Figuren Bier, oft im Stehen, fast immer im Vorbeigehen. Bier ist bei Fontane der Sound der Bürgerwelt. Man trinkt es, während man über das Wesentliche nicht spricht.
Theodor Storm, der norddeutsche Erzähler, war Bier gegenüber zurückhaltender. In seinen Novellen — Immensee, Aquis submersus, Der Schimmelreiter — bleiben die Wirtshäuser und Trinkgelage oft im Hintergrund, auch wenn die norddeutsche Erzählwelt insgesamt von Bier durchsetzt ist. Bei Storm geht es eher um Stille, Nebel und das, was zwischen den Sätzen liegt. Bier ist da, aber wie das Wetter: vorhanden, ohne genannt zu werden.
Thomas Mann hat dann die feinste literarische Verarbeitung des bürgerlichen Bieres geschrieben — und zwar als Pointe. Im Zauberberg bestellt Hans Castorp gleich am ersten Tag im Berghof-Sanatorium ein Frühstücks-Kulmbacher. Schon dieser Schluck am Morgen benebelt ihn vollkommen — als hätte er einen Schlag auf den Kopf bekommen. Abends nochmal Kulmbacher, und die Wirkung ist noch stärker: das Herz pocht wie eine Pauke, die Augenlider sind bleischwer. Die Bier-Szene ist ein literarischer Wegweiser. Hans Castorp, der eigentlich nur drei Wochen bleiben wollte, ist in Wahrheit längst gefangen — vom Bier, von der Höhenluft, von der Sanatoriums-Zeit. Das Kulmbacher ist sein erster, kaum bemerkter Schritt in die sieben Jahre Aufenthalt.
Über den Atlantik: Hemingway, Bukowski und die Beat-Generation
Sprung über den Ozean. Im 20. Jahrhundert wird das amerikanische Bier zur literarischen Hauptfigur — manchmal mit Stil, manchmal ohne.
Ernest Hemingway war Trinker mit Methode. Sein Werk ist durchzogen von Bars, Cafés und Schlucken, die Figuren lebendig halten — von Fiesta (in dem die Hände der Lady Brett vor Cocktails zittern) über Paris — ein Fest fürs Leben bis zu den deutschen Pils-Erinnerungen seiner Reisetexte. Hemingway hat sein Trinken nicht romantisiert, aber auch nicht versteckt. Es war Teil des Schreibens — ein Werkzeug wie der Bleistift, mit dem er morgens stehend arbeitete.
Charles Bukowski, eine Generation später, hat das Bier endgültig in die Literatur eingelassen, ohne Verhandlung, ohne Schamhaftigkeit. Seine Romane Post Office und Factotum spielen zu großen Teilen in heruntergekommenen Bars, und das Bier darin ist nicht symbolisch, sondern flüssig. Man trinkt es, weil man es trinken will, und manchmal, weil man nicht anders kann. Bukowski hat den Mythos vom inspirierten Trinker zerlegt und gleichzeitig gefeiert — in Gedichten, Romanen und unzähligen Interviews, in denen er die Frage nach der Inspiration mit einem Schluck und einem Achselzucken beantwortete.
Die Beat-Generation — Ginsberg, Kerouac, Burroughs — hatte eine breitere Spirituosenpalette, aber Bier war immer dabei. Kerouacs On the Road ist nicht nur eine Reise durch Amerika, sondern eine Reise durch seine Bars. Wenn man die Romane der Beats kartographieren würde, wäre die Karte ein Netz aus Tresen, verbunden durch Highways.
Was diese amerikanischen Autoren zur deutschen Tradition hinzufügen, ist eine Direktheit. Sie reden nicht um das Bier herum, sie reden über das Bier. Es ist nicht mehr Hintergrund, sondern Material. Genau das, was wir heute machen, wenn wir auf jedes Etikett einen Spruch drucken: das Bier zur Sprache kommen lassen.
Heute, in deiner Küche
Was bleibt von viertausend Jahren Bier in der Literatur? Nicht das Trinken zur Inspiration — das ist eine romantische Fiktion, die schon Schiller widerlegt hat, indem er einfach trotzdem genial war. Nicht die Bar als Schreibort — die meisten guten Bücher entstehen in stillen Zimmern, mit einer Tasse Kaffee am Morgen und vielleicht einem Bier am Abend. Nicht der Mythos vom trinkenden Genie — Bukowski war zwar Genie, aber wahrscheinlich kein guter Mensch, und beides hatte mit Alkohol nur am Rande zu tun.
Was bleibt, ist das stille Bündnis. Bier zwischen den Zeilen. Ein Schluck zwischen zwei Sätzen. Der Moment am Küchentisch, wenn man ein Buch zuklappt, das einen weitergebracht hat, und dann ein Glas in die Hand nimmt, weil der Gedanke noch nicht zu Ende ist.
Wir bei Dichterbier brauen für diesen Moment. Wir machen kein Bier über Literatur, wir machen Bier für Literatur. Aktuell konzentrieren wir uns auf Pilsner, weil Pilsner für uns die literarischste Biersorte ist — klar, präzise, ohne überflüssige Verzierung. Aber Brauen ist wie Schreiben: man entwickelt sich. Wer weiß, welche Sorte uns als Nächstes etwas zu sagen hat.
Auf jedes Etikett kommt ein Spruch — manche von uns selbst, manche von bekannten Literatinnen und Literaten, deren Worte wir an unserem Bier weiterschreiben. Manche sind ernst, manche sind frech, manche bleiben absichtlich offen. Sie sind unser Beitrag zu jener Tradition, die mit dem Gilgamesch-Epos angefangen hat. Vier Tausend Jahre alte Verbindung, die immer noch funktioniert.
Probier es selbst
Wenn du Lust hast, Teil dieser Reihe zu werden: unser Dichter Bier (Pils) ist ein guter Anfang. Auf jeder Flasche steht ein Spruch — manchmal von uns, manchmal aus der Feder bekannter Literatinnen und Literaten. Kurz genug für eine Lesepause, lang genug, um etwas zu sagen.